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New Yorker Ansichten

 

1000 Dollar hatte es ihn gekostet, hier herauf zu kommen. 1000 Dollar, die ihm nicht weh tun würden. Und der Portier hatte sie gerne genommen.

Nun stand er an der obersten Brüstung des RCA Buildings und blickte auf das restliche Rockefeller Center hinab. Ganz Manhattan lag ihm zu Füßen. Er ließ den Blick schweifen. Die trübe Sonne beschien den Central Park, dahinter sah er die Bronx und Harlem, nach Norden hin lag am Horizont, im Dunst nur schemenhaft zu erkennen, das biedere New Jersey. Der immerwährende Smog trübte die Sicht, und gleich einer Fatamorgana nahm er die entfernte Landschaft wahr. Weit draußen, bald 100 Meilen entfernt, ging endlich die Häuserflut in unberührte Natur über. Diese verschwand jedoch im Dunst.

Ein einziges, kleines Atomgerät, dachte er bei sich, könnte all dem ein jähes Ende bereiten. Er schauderte bei dem Gedanken und blickte nach unten, auf die Landungsbrücken am Hudson River. Ein Frachter mit großen Ladekränen war dort vertäut, und einige Passagierschiffe stampften flussaufwärts Richtung Upper Manhattan, andere wieder nahmen Kurs auf die Bucht zu, der Freiheitsstatue entgegen.

Die Freiheitsstatue. Der Mann lächelte bitter. War sie nicht ein Symbol? Heute vielleicht mehr denn je. Ein Symbol für eine vergangene Zeit, über- und verkommene Werte. Freiheit, Gleichheit, Menschenrechte. In welcher Demokratie lebte er, die einen Angriff auf ihren Stolz höher wertete als den Tod unzähliger Menschen in aller Welt, deren Rechte zu verteidigen sie sich doch einst voll Stolz auf ihre geliebte Fahne geschrieben hatte? Es sollte sein Problem heute nicht sein.

Es ist merkwürdig, sinnierte der Mann, als er sich an der Brüstung hoch zog – den Kraftakt hatte er schließlich teuer erkauft. Es ist merkwürdig, wie unbedeutend wir doch sind. Ein kleines Nichts in dieser unfassbar erhabenen Natur, die sich nicht darum schert, was in einem kleinen Menschenhirn vorgeht, und die Bestand haben wird, lange nachdem der letzte Mensch von dieser Erde verschwunden sein wird. Von hier oben waren Menschen ohnehin kaum zu erkennen.

Ob Sie gerade dort auf der 5th Avenue zur Arbeit hetzte? Gut möglich. Erstaunlich wenig Verkehr für diese Uhrzeit, dachte er. Würde es wohl jemandem auffallen, wenn plötzlich ein menschlicher Körper aus dem 70. Stockwerk unsanft zwischen den Häuserblöcken aufschlüge? Zweifellos. Und zweifellos würde sich den Passanten ein bestenfalls ein durchschnittlich angenehmer Anblick, gepaart mit einem aufdringlich unmelodischen Geräusch bieten. Mit Sicherheit würde man sich unangenehm berührt abwenden. Man wollte sich schließlich keinen unangenehmen Fragen aussetzen. Nun, auch das würde sein Problem nicht sein. Er hatte seine 1000 Dollar bezahlt.

Zwischen ihm und dem Fluss erhob sich zwischen den mit bis zu 16 Stockwerken ohnehin gewichtigen Wohnblöcken das international Building wie ein Mahnmal amerikanischer Eitelkeit. Wie die meisten der Gebäude des Rockefeller Center war es in den 1930er Jahren zur Zeit des gigantischen Baubooms entstanden, der Manhattan zu dem gemacht hatte, was es war: dem Zentrum der Westlichen Welt. Wie leicht es zu erschüttern war, hatten ein paar durchgeknallte Hobbyflieger am berühmten 11. September gezeigt. Doch Amerika lie´ß sich nicht einschüchtern. Nicht von Millionen Hungernden im eigenen Land, nicht davon, dass sie sich in ihrer eigenen archaischen Unbildung gegenseitig erschossen, nicht von Vietnam und schon gar nicht von ein paar fehlgeflogenen Turbantouristen. Amerika schlug zurück. Überall hin und auf jeden. Wer in den großen Apfel biss, bekam den Wurm zu schlucken. Das war die Regel.

Der Mann schreckte aus seinen Gedanken auf. Amerika hatte ihm nichts getan. Doch sein Entschluss stand fest. Er würde sich nicht abhalten lassen. Warum er hier war? Weil es sein Entschluss war. Und er hatte bezahlt.

Eine Reihe gelber Taxis fuhr an der Rockefeller Plaza vorbei. Er beobachtete, wie eines davon in die 1st Avenue einbog und in Richtung der Schornsteine einiger Fabrikgebäude aus dem 19. Jahrhundert fuhr. Hier war früher die aus dem Süden angelandete Baumwolle verarbeitet worden. Er ahnte, wie viel Schweiß und Entbehrungen es die Menschen in ihren ärmlichen Verhältnissen gekostet hatte, diese Stadt zu dem zu machen, was sie war.Beim Anblick der Skyline des New York aus dem vorletzten Jahrhundert glaubte er für einen Moment, den weißen Rauch der Dampfwebstühle aufsteigen zu sehen. Steile Dächer und spitze Giebel, umkränzt mit filigranen Türmchen – welch einen Kontrast boten die dunkelroten Backsteinveteranen doch zu den neuzeitlichen Stahlbetonriesen. Und selbst jene hatten nun schon ein dreiviertel Jahrhundert auf dem Buckel.

So robust und so zäh und so widerspenstig gegen alle Menschlichkeit. Eingepfercht in Häuserblöcken. Wie sein Land: Freiheit im Quadrat. Bis zur nächsten Querstraße.

Früher war er nicht so kritisch gewesen. Erst Sie hatte ihn dazu gebracht. Zum Denken. In Texas, wo sie herkam, schimpfte man sie ultraliberal. Seit sie gegen die Todesstrafe war. Sie hatte ihn Denken gelehrt, und seitdem wusste er, warum er sie liebte. Sie hatte ihn Lieben gelehrt, und seitdem wusste er, was Leid ist. Und durch das leid, dass sie ihn gelehrt hatte, wusste er sie Augenblicke der Freude zu genießen – wusste er zu leben.

Und so lebte er in diesem Moment den Blick über seine Heimatstadt. In wenigen Minuten würde er mit ihr verschmelzen und an Sie denken.

Er saß nun auf der Brüstung, zehn Zentimeter vom Rand der 250 Meter tiefen Betonschlucht entfernt, und hatte sich eine letzte Zigarette angezündet. Viele kleine Fenster weit unter ihm. Ob wohl einer zu mir herauf sieht und mich hier sitzen sieht?, fragte er sich kurz. Und musste wieder lachen. Wir sind in New York! Die Leute haben andere Sorgen als halb zu Tode geschundene Nutte, Junkies, die im eigenen Dreck ersticken oder Typen, die von Häusern fallen. In New York musste jeder sehen, wo er blieb. Und wenn sie lieber in ihren Betonklötzen saßen, nachts kein Auge zu taten, weil jeder kläffende Köter, jedes hupende Auto und jede garstige Polizeisirene scheinbar minutenlang in den kargen und stickigen Straßenschluchten nachhallte, so war das ihr Problem. Er saß hier oben über all dem. Er hatte für diese Freiheit bezahlt.

Es ist ein Gerücht, stellte er fest, dass in den letzten Sekunden vor dem Tod noch einmal das Leben an einem vorüber zieht. Als er sprang, sah er noch einmal ihr Gesicht vor sich, und er liebte sie in diesem Moment. Hatte er womöglich den Herd angelassen? Kein geeigneter Zeitpunkt, sich dieses Problems anzunehmen. Ab dem 60. Stock dann liebte er seine Stadt. Er sah die Taxis auf sich zukommen, die Menschen in ihren Quadraten.

55. Stock: Pizza für Jonas Lehmann. Falsche Geschichte. Nicht das Leben, die Werbung zog also an einem vorüber. Wo war der Unterschied? Mit dem 50. Stock gingen nacheinander sie Sonne, der Hudson River, mitsamt den Schiffen und kurz darauf der gründerzeitlichen Skyline hinter dem International Building unter. Doch schon fünf Stockwerke weiter erstrahlte das morgendlich erleuchtete RCA Building am klarst mögliochen New Yorker Morgenhimmel.

Nach Passage der kärglich eingerichteten Finanzabteilung von Marks & Spencer im 40. Stockwerk war es an der Zeit. Er musste sich verabschieden. Eine rasche Handbewegung, ein heftiger Ruck, der Übergang in sanftes Gleiten. Ein Traum war Wirklichkeit geworden.

In diesem Moment leibte er sie beide, seine Stadt und seine Frau. Sie hatten ihm neue Horizonte geöffnet. Wahre Freiheit.

23.5.07 20:47
 
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bisher 3 Kommentar(e)     TrackBack-URL


Markus / Website (5.6.07 21:37)
Schöne Geschichte. Happy Ends kotzen mich auch an. Frag' Clint mal ob er nen Film draus drehen will.


Markus / Website (5.6.07 21:41)
Gibt es da nicht dieses Buch von Charles Bukowski mit dem Namen "Gedichte die jemand schrieb bevor er aus dem 12. Stock sprang" oder so ähnlich?


Andi (6.6.07 20:27)
Keine Ahnung, ich kenn nichts von Bukowski. Aber was das Ende angeht, bist du nicht der einzige, der sich verlesen hat...

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