Ich sehe den Pfeil...
... auf mich zukommen. Langsam, wie in Zeitlupe, als wolle er sagen, verschwinde.
Ich bin nicht wirklich erstaunt, ich habe damit gerechnet, dass so etwas passiert.
Wochenlang, seitdem wir das letzte Mal miteinander gesprochen haben und sich unsere Wege trennten, spüre ich, dass sie da ist, mich nicht aus den Augen lässt, während ich mich weiter vorankämpfe. Undruchdringlich scheint der Dschungel zuweilen, und jeder Schritt kostet mich unendlich viel Kraft. Verwirrende Geräusche. Bei jedem Knacken: war sie das, ist sie so nah? Wohl nicht, ich bekomme sie nicht zu Gesicht, und sie spricht nicht zu mir.
Monatelang waren wir gemeinsam durch den Dschungel gezogen, waren einander so nahe, so ähnlich, vertrauten uns und uns einander an. Dann wurde alles anders - der Dschungel verändert Menschen.
Und nun bilde ich mir wahrscheinlich alles nur ein - alles was war und was nicht ist - einfach so. Ich wollte nicht alleine gehen, aber nun bin ich alleine und muss weiter. Vieles wäre einfacher gewesen, ohne Frage, doch die Wahl bleibt nun nicht mehr. Ich weiß nicht, was sich verändert hat und warun, aber ich muss alleine weiter und darf nicht nach hinten schauen.
Das Dickicht wird von Schritt zu schritt dichter und bald wird die Nacht hereinbrechen. Dennoch, ich darf mich nicht ausruhen. Es sollte ein gemeinsames Abenteuer werden, doch es kam anders. Nun hatte der Dschungel uns beide verschluckt. Oder bin nur ich es, der sich verirrt hat? Ich bleibe stehen und lausche. Wieder ein verräterischen Knacken von Ästen, und manchmal scheint es von einem hämischen Lachen begleitet.
Ich höre das Sirren des Pfeils, bin überrascht mehr als gedemütigt.
Warum tut sie das, was hab ich ihr getan? Kein offenes Wort, nur ein Pfeil aus dem Hinterhalt. Ich sehe sie nicht einmal, wie sie auf mich anlegt.
Dieses Sirren, dann blitzt die Spitze für den Bruchteil einer Sekunde vor mir auf, wird dabei größer, riesig - wie in Zeitlupe. Und dann... Point Blank. Mitten zwischen die Augen, tief ins Herz.
Schmerz kann ich nicht empfinden, ich empfinde gar nichts. Ich spüre den dumpfen Schlag, als der Pfeil einschlägt und mich durchbohrt, heiß und unbarmherzig. Das Aufblitzen, der Schlag, die Hitze und dann Stille.
Ich versuche zu begreifen, was passiert ist. Und warum. Enttäuschung, die sich in Niedergeschlagenheit verwandelt. Vertrauen, das bestraft wird. Ich hätte so gerne vertrauen können.
Tief steckt der Pfeil nun - keine Möglichkeit, ihn loszuwerden -, und ich versuche, so aufrecht wie möglich weiter zu gehen.
Warum nur kann ich von Zeit zu Zeit ihre Stimme hören? Ist es Einbildung oder ist sie wirklich immer noch da? Was will sie? Mich leiden sehen, sich an ihrem Schuss ergötzen? Oder ist es nun einmal doch der gleiche Weg, den wir zwangsläufig nehmen müssen?
Ich sehe noch, wie sie plötzlich wieder vor mir steht, den Bogen in der Hand, und mich gleichgültig ansieht. So als wolle sie sagen "siehst du, hier bin ich, mir hat das alles nichts ausgemacht, für mich war es nur ein Spiel".
War da nicht mehr, ist da sonst gar nichts mehr?
Es wird dunkel um mich.
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